In England findet Händel vollkommen andere Bedingungen vor als im armen Deutschland oder im katholischen Italien. Er sucht die Nähe zum Königshaus und die Unterstützung potenter Adliger und schafft damit die Grundlage für seinen künstlerischen und nicht zuletzt finanziellen Erfolg.
Zwar ist die Oper des Spätbarock durch ihr Ausstattungswesen und ihre Virtuosität keineswegs rational. Andererseits erzählt Händel in seinen Oratorien Befreiungsgeschichten, in denen sich Gedanken der wichtigsten philosophischen Strömung seiner Zeit wiederfinden. Und die Oratorien werden von Schlüsselbegriffen der Aufklärung geprägt wie "Disinganno" und "Moderato": Erkenntnis durch Ent-Täuschung und Mäßigung.
Eine Oper besteht aus Arien, Duetten und Rezitativen - bei Händel nicht anders als bei allen anderen Zeitgenossen. Was unterscheidet seine Opern dennoch von denen seiner Kollegen - im Kleinen der einzelnen Stücke wie im Großen der Dramaturgie und Figurenzeichnung?
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Händels Opernhandlungen sind oft kaum nacherzählbar in ihren emotionalen Windungen und intriganten Verwicklungen. Welches Interesse hatten er und seine Zeit an ausgerechnet diesen Stoffen - und warum wurden sie ausgerechnet so erzählt?
Das Audio Musik für Thron und Themse: Händel und das englische Königshaus (12/26) ist leider nicht mehr verfügbar.Die Verfügbarkeit unserer Audio- und Videoinhalte ist gesetzlich über den von den Ländern beschlossenen Rundfunkstaatsvertrag vorgegeben.
Händel hatte schon als 25jähriger Verbindung zum künftigen englischen König und bekundete seine Nähe zum Königshaus lebenslang mit zahlreichen Werken von der Wasser- bis zur Krönungsmusik. War seine Treue zur Krone nur Kalkül oder brachte er seiner Wahlheimat patriotische Gefühle entgegen?
Nach dem Boom kam die Krise: Die Engländer begannen, zumal nach dem Erfolg von John Gays pfiffig-parodistischer "Beggar’s Opera", wieder mit der italienischen Oper zu fremdeln. Händel geriet mit seinem Geschäftsmodell in Schwierigkeiten - aber warum hielt er trotz finanzieller Verluste so lange daran fest?
Händel wurde protestantisch erzogen, hatte seine erste Stellung als Organist in Halle, schrieb aber Musik sowohl für die katholische als auch die anglikanische Kirche - und hat dennoch lebenslang der "Gemeinde, darin ich geboren und erzogen" die Treue gehalten.
Mit Händel konnte man Geld verdienen - dachten sich Verlage und brachten seine Musik für den Hausgebrauch heraus, oft ohne Erlaubnis des Komponisten. Der aber wusste selbst, wie man auch diesen Markt gewinnbringend mit Kammer- und Cembalomusik bespielt.
Händel war ein Mensch von großer sozialer Intelligenz. Mühelos vermochte er berufliche Verbindungen zu knüpfen und pflegte lebenslange Freundschaften, ob zu Kollegen wie Telemann oder zu seinem Mitarbeiter Christopher Smith.
Händel komponierte viel und schnell - seine Librettisten staunten darüber oder fühlten sich nicht ernst genommen. Dabei klaute Händel eifrig bei seinen Zeitgenossen. Schon damals erregten diese "Entlehnungen" Verwunderung und nicht selten Unmut.
Händels Geschäft mit der Oper läuft nicht mehr gut. Aber sein erstes, vor vielen Jahren für einen Förderer geschriebenes Oratorium "Esther" wird plötzlich zum Publikumsrenner. Also orientiert sich Händel mit 53 Jahren neu: "Saul" war der erste bewusste Schritt in Richtung Oratorium.
Wie die meisten Barockkomponisten hat sich auch Händel als Mensch nicht zu erkennen gegeben und weder Tagebuch noch viele Briefe geschrieben – wir wissen am Ende nicht wirklich, wie er war. Ungewöhnlich, weil sein Ruhm schon zu Lebzeiten so groß war, dass man ihm ein Denkmal setzte.
Die meisten Komponisten konnten vom Komponieren nicht leben. Händel dagegen erwirtschaftete mit übermenschlichem Fleiß derartige Überschüsse, dass er sie anlegen, in eine Kunstsammlung stecken und für wohltätige Zwecke spenden konnte und dennoch als einer der reichsten Komponisten aller Zeiten starb.
Zahlreiche Legenden ranken sich um Händels "The Messiah". Betrachten wir es nüchterner als eines der ungewöhnlichsten Oratorien mit einer der ungewöhnlichsten Aufführungsgeschichten von der Benefizveranstaltung im Waisenhaus bis zur Monumentalveranstaltung als nationaler Angelegenheit.
Für seine Zeitgenossen war ganz klar: Oratorien dürfen aufgrund ihrer biblischen Stoffe nicht auf die Opernbühne. Diese Empfindlichkeit verstehen wir nicht mehr: Oper und Oratorium scheinen sich kaum zu unterscheiden - aber ist das wirklich so?
Sie sind kurz hintereinander in der gleichen Ecke Deutschlands geboren worden und haben sich dennoch nie getroffen. Vermutlich hätten sie sich auch nicht viel zu sagen gehabt - zu unterschiedlich sind ihre Konzepte von Musik, vom kompositorischen Detail bis zur öffentlichen Funktion.
Händels letzte Jahre waren enorm erfolgreich. Mit dem Oratorium hatte er den Nerv der Engländer getroffen, mit den eingelegten Orgelkonzerten präsentierte er sich als noch immer unübertroffener Virtuose - und mit seinem letzten Werk greift er, mittlerweile erblindet, auf sein erstes italienisches Oratorium zurück und schafft einen bewussten Abschluss seines Lebenswerks.
Beethoven erklärte Händel zum größten Komponisten, Haydn, Mozart oder Mendelssohn waren massiv angeregt von der appellativen Kraft seiner Musik, und auch auf britische Kollegen wirkte der deutsche Einwanderer vorbildlich.
Händel wurde nach seinem Tod kulturell vereinnahmt, zunächst von England, dann auch von Deutschland bis zu den finsteren Umdichtungen seiner Oratorien unter den Nazis. Heute verehrt man ihn als kosmopolitischen Künstler, dessen Musik man erst wieder zu spielen lernen musste.
rbb | 2022 | 26 Folgen
Eine Musikserie von Peter Uehling
Eine Produktion von rbb Kultur, Rundfunk Berlin-Brandenburg
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